
Bestimmte Themen werden im Netz alle paar Jahre von neuem durchgekaut. Nun also die Medienwirkung von Gewaltspielen. Golem berichtet über einen arg reißerischen Bericht bei Frontal21 zur Medienwirkung von Gewaltspielen und kommentiert abschließend:
Auch der neue Frontal21-Bericht zeigt ein altes Dilemma von Computerspielen: Berichte in Massenmedien nehmen sich des Themas vornehmlich dann an, wenn es entsprechend reißerisch präsentiert werden kann. Eine möglichst nüchterne und unvoreingenommene Berichterstattung liegt wohl nicht im Interesse der großen Publikumsmedien, denn das verspricht weder hohe Auflage noch Quote. Leider gewinnt man Zuschauer in der Prime-Time wohl eher durch Angst einflößende und Verunsicherung schürende Beiträge als durch aufklärende Dokumentationen.
Solch einseitige Berichterstattung wie bei Frontal21 erzürnt dann nicht nur die Spiele-Branche, sondern natürlich auch ihre Kunden, die sich nicht grundlos kriminalisieren lassen wollen. Derweil können sich solche Berichte der Zustimmung einer großen Zielgruppe sicher sein, die sich nur selten mit diesem Thema befasst und sich über einfache Lösungen freut, wie sie dort präsentiert werden. Nach Lesart des Frontal21-Berichts verschwinden Gewaltprobleme unter Jugendlichen schlagartig, wenn nur keine Gewalt mehr in Computerspielen gezeigt wird. Das Thema Gewalt in der Gesellschaft ist allerdings zu komplex, als dass man dafür nur jeweils einen Verursacher verantwortlich machen kann.
Golem ist da allerdings nicht viel besser, denn auch dort wird polemisiert und ignoriert. So sehr der Frontal21-Bericht auf eine Form der Panikmache setzt, so wenig setzt sich Golem mit den Erkenntnissen der Wissenschaft auseinander. Denn die Medienwirkungsforschung hat schon vor über 30 Jahren die Gewissheit gebracht, dass die Gewaltdarstellung im Fernsehen negative Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche hat. Insofern trägt Golem nicht zu einer Versachlichung bei.
In einem Usenet-Posting vom 17.01.2001r hatte ich während einer ähnlichen Diskussion ein paar Studien aufgeführt hatte (Msg-ID: <slrn969lag.qro.SpamExp12@tfly.toppoint.de>) :
"Liebert und Baron[1] ließen eine Gruppe von Kindern eine Folge der [für damalige Verhältnisse -ts] extrem gewalttätigen Krimiserie "Die Unbestechlichen" sehen. in einer Kontrollbedingung sahen vergleichbare Kinder ein ebenso langes, extrem actionreiches Sportereignis. Anschließend ließ man die Kinder in einem anderen Raum mit einer weiteren Gruppe Kinder spielen. Kinder, die die gewalttätige Krimiserie gesehen hatten, verhielten sich den anderen Kindern gegenüber sehr viel aggressiver als Kinder, die die Sportveranstaltung gesehen hatten.
Ross Parke und seine Kollegen[2] konnten diese Ergebnisse in einer natürlichen Umgebung bestätigen. Sie zeigten den Jungen in einigen Häusern von Jugenstrafanstalten in den USA und in Belgien gewalttätige Filme, un den Jungen in andern Häusern dieser Einrichtungen gewaltlose Filme. Sowohl während als auch nach der Filmwoche verhielten sich die Jungen, die die aggressiven Filme sahen, den anderen Jungen gegenüber körperlich und verbal aggressiver. Weiter Studien zeigten, dass dieser Effekt schon durch das Anschauen eines /einzigen/ Films enstehen kann und dass die Aggressionssteigerung bei denjemigen Jungen am ausgeprägesten war, die ursprünglich /geringe/ Aggressivität gezeigt hatten. Leonar Eron und Rowell Huesemann[3] stellten in einer Längsschnittuntersuchung bei achtjährigen Jungen eine hohe Korrelation zwischen dem Fernsehkonsum von Gewalt und eigenem aggressiven Verhalten fest. Etwa elf Jahre später führten sie mit 211 dieser Jungen eine Nachuntersuchung durch. Die Neunzehnjährigen, die im Alter von acht Jahren viel Gewalt im Fernsehen gesehen hatten, waren aggressiver als diejenigen, die dies nicht getan hatten. Außerdem wurde ziemlich deutlich, dass Fernsehen aggressiv macht (und nicht umgekehrt), da die Neunzehnjährigen, die im Alter von acht Jahren viele gewalttätige Sendungen gesehen hatten, sich jetzt nicht unbedingt viel Gewalt im Fernsehen anahen. Kurzum, Gewaltdarstellungen im Fernsehen im Alter von acht Jahren anzuschauen erwies sich als ein Prädiktor für späteres aggressives Verhalten, während aggressives Verhalten im Alter von acht Jahren kein Prädiktor für spätern Konsum von gewalttätigen Sendungen war. Neuere Längsschnittuntersuchungen haben diesen Zusammenhang sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Finnland nachgwiesen.
[...]
In ähnlicher Weise haben Margaret Hanratty Thomas und ihre Kollegen[4] gezeigt, dass Gewalt im Fernsehen nachfolgend die Reaktionen von Menschen abstumpft, wenn sie im wirklichen Leben mit Agressionen konfrontiert sind. Thomas ließ eine Reihe von Kinder entweder einen gewalttätigen Krimi oder aber ein aufrgendes (aber gewaltloses) Volleyballspiel ansehen. Nach einer kurzen Pause beobachteten die Kinder eine verbal und physisch aggressive Interaktion zwischen zwei Vorschulkindern. Die Kinder, die den Krimi gesehen hatten, reagierten weniger emotional als die Kinder, die das Volleyballspiel gesehen hatten. Die anfängliche Beobachtung von Gewalt /desensibilisiert/ also die Kinder für weitere gewalttätige Handlungen -- sie regten sich nicht mehr über einen Vorfall auf, der sie eigentlich hätte aufregen müssen. Eine solche Reaktion mag uns zwar psychologisch vor den schädlichen Auswirkungen wiederholter Gewalterfahrung schützen, doch sie verhärtet auch unsere Gefühle gegenüber den Opfern von Gewalt, und sie macht es uns vielleicht auch einfacher, selbst gewalttätig zu werden.
[...]
Phillips untersuchte beispielsweise in einer Studie[5], welche Auswirkungen eine spezielle Art von Gewalt in den Medien, die Ausstrahlung von Profi-Boxkämpfen, auf gewalttätiges Verhalten hat. Er entschied sich gerade deshalb für solche Boxkämpfe, weil es sich hier um eine echte, interessante und weithin akzeptierte und belohnte Form von Gewalt handelt. Zudem werden die Akteure dieser Sportveranstaltung so dargestellt, als wollten sie ihr Opfer verletzen.
Die Ergebnisse von Phillips Untersuchung sind ernüchternd. in den Tagen nach der Ausstrahlung eines Schwergewichts-Boxkampfes verzeichnete man in den USA einen Anstieg an Mordfällen, und zwar sowohl, wenn der Kampf in den USA selbst ausgetragen wurde, als /auch/, wenn er in Übersee stattfand, so wie der weithin übertragene Kampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier ("the Thrilla in Manila"). Überraschender ist, dass die Rassenzugehörigkeit der "Verlierer" in diesen Profi-Kämpfen mit der Rassenzugehörigkeit der Mordopfer nach den Boxkämpfen korrespndierte: Nachdem weiße Boxer einen Kampf verloren hatten, nahmen die Morde an weißen, aber nicht an schwarzen Männern zu. Wenn dagegen schwarze Boxer einen Kampf verloren hatten, nahmen die Morde an schwarzen, aber nicht an weißen Männern zu."
[1] Liebert, R. & Baron, R.: Some immediate effects of televised violence on children's behavior. In: Developmental Psychology 6(1972).
[2] Park, R. et. al: Some effects of violent and nonviolent movies on the behavior of juvenile delinquents. In: Berkowitz, L. (Hg.): Advances in experimental social psychology. New York (Academic Press) 1977.
[3] Eron, L. & Huesmann, R.: Adolescent aggression and television. In: Annals of the New York Academy of Science 347 (1980).
[4] Thomas, M.H. et al: Desensitization to portayals of real-life aggression as a function of exposure to television violence. In: Journal of Personality and Socail Psychology 35(1977).
[5] Drop that gun, Captain Video. In: Newsweek (10. März 1975).
Weiterlesen bei Golem: Killerspiele? Frontal21-Bericht macht Spieler aggressiv.
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